Quasimodogeniti
–
wie die neugeborenen Kinder, so lautet der Name
dieses Sonntags. Neugeboren
ist das Stichwort. Neu im Gegensatz zu alt. Das
kennzeichnet das Leben nach
Ostern. Leben aus der Auferstehung heraus.
Dieser
Sonntag hängt ganz eng mit Ostern zusammen.
Zum einen theologisch: Es geht auch
heute ganz zentral darum, dass Jesus Christus
auferstanden ist. Und zum anderen
kirchlich und geschichtlich: Besonders in der
Alten Kirche, aber durchaus bis
heute, wurden und werden in der Osternacht die
zum Glauben Gekommenen getauft.
Diese haben dann in der darauf folgenden Woche
in ihren weißen Taufkleidern an
Lehrgottesdiensten teilgenommen, wo es besonders
um das Verständnis von Taufe
und Abendmahl ging, und haben schließlich
am Sonntag nach Ostern ihre
Taufkleider wieder abgelegt. So war der Sonntag
Quasimodogeniti der Abschluss
der Taufe, die an Ostern erfolgt war.
Leben
aus der Auferstehung heraus, Leben nach Ostern.
Durch die Taufe wurde und wird
klar, dass Ostern kein weit zurückliegendes
historisches Ereignis ist, das für
uns keine besondere Bedeutung hat. Sondern dass
Ostern eine direkte Auswirkung
auf unser Leben als Christen hat. Jesus Christus
ist vor 2000 Jahren
auferstanden – und hat das doch direkt für
mich getan.
So
soll es sein. Und doch müssen wir immer
wieder fragen, was das für uns
bedeutet. So ganz handgreiflich. Der Predigttext
für heute kann uns dabei
helfen. Er ist zwar selbst auch schon ganz
schön alt und drückt sich sehr
theologisch aus, aber bringt die Bedeutung des
Ostergeschehens für uns auf den
Punkt. Er steht im Kolosserbrief im zweiten
Kapitel:
„In der Taufe wurdet ihr mit ihm
begraben. Und in der Taufe wurdet ihr auch mit
ihm auferweckt. Denn ihr habt an
die Macht Gottes geglaubt, der Christus vom Tod
auferweckt hat. Ja, ihr wart
tot aufgrund eurer Verfehlungen. Und euer auf
das Irdische ausgerichteter
Körper hatte die Beschneidung noch nicht
empfangen, die Christus schenkt. Aber
Gott hat euch zusammen mit ihm lebendig gemacht,
indem er uns alle Verfehlungen
vergeben hat. Er hat den Schuldschein getilgt,
den wir eigenhändig
unterschrieben hatten – einschließlich
seiner Vorschriften, die gegen uns
standen. Er hat ihn ans Kreuz angenagelt und
damit beseitigt. Er hat die Mächte
und Gewalten entwaffnet und sie öffentlich
zur Schau gestellt. Er führt sie im
Triumphzug mit, der für Christus abgehalten
wird.“
Ein alter Text aus einer fernen
Welt. Die Welt des ersten Jahrhunderts in
Kleinasien. Die christlichen
Gemeinden dort waren noch jung. Die meisten
Christen erinnerten sich sehr gut
an die Zeit, als sie noch nicht an Jesus
Christus geglaubt haben. Sie sind zum
großen Teil erst als erwachsene Menschen
zum Glauben gekommen. Sie werden den
Unterschied deutlich wahrgenommen haben, der ihr
jetziges Leben von dem Alten
trennte. Denn Christsein hieß damals auch:
Sich von der allgemeinen
Gesellschaft abheben, sich von ihr sogar
fernhalten, und auch im Untergrund
leben, weil Christen als staatsgefährdend
galten. An diese Menschen wendet sich
der Kolosserbrief. Der Verfasser sieht die
Gefahr, dass sie durch andere
Philosophien verwirrt werden, und will ihnen
verdeutlichen, was es heißt, in
Christus zu leben. Dass sie nämlich das
neue Leben schon haben und nicht erst
erlangen müssen. Dass sie schon gerettet
sind.
Unser
Textabschnitt bezieht sich deutlich auf Ostern
und ebenso deutlich auf die
Taufe. „In der Taufe wurdet ihr mit ihm
begraben. Und in der Taufe wurdet ihr
auch mit ihm auferweckt. Denn ihr habt an die
Macht Gottes geglaubt, der
Christus vom Tod auferweckt hat.“ Christus wurde
begraben, am Karfreitag
nämlich. Und Gott hat ihn auferweckt, das
Geschehen des Ostersonntags. Das ist
das Ereignis, welches zur Zeit des
Kolosserbriefes immerhin schon rund 40 Jahre
zurücklag. Die meisten Menschen, die diesen
Brief gelesen haben, haben das also
selbst gar nicht miterlebt. Zum einen, weil sie
meist vermutlich noch keine 40
Jahre alt waren. Und zum anderen, weil sie in
Kleinasien lebten und nicht in
Judäa. Natürlich ist das nichts im
Vergleich zu den 2000 Jahren, die uns heute
vom Ostergeschehen trennen. Aber sie waren nicht
anders als wir keine
Augenzeugen, mussten also glauben, was sie
selbst nicht miterlebt hatten.
Der
Textabschnitt holt Ostern in die Jetzt-Zeit. „In
der Taufe wurdet ihr mit ihm
begraben. Und in der Taufe wurdet ihr auch mit
ihm auferweckt.“ In der Taufe
erleben wir das, was Jesus für uns einst
getan hat, heute mit. Die Taufe war
für die Angesprochenen ein Ereignis, an das
sie sich im Gegensatz zum
Auferstehungsgeschehen sehr gut erinnern
konnten. Es war ihr
Auferstehungserlebnis. Zum einen, weil es
vermutlich in der Osternacht
stattfand. Zum anderen, weil es für sie
eine echte Befreiung aus den alten
Zwängen und Verstrickungen war. Das alte
Leben war für sie gestorben, und sie
sind in ein neues Leben auferstanden. Ostern
handgreiflich.
Altes
Leben hieß für die Menschen damals
entweder das Leben als Jude unter dem
Gesetz. Mit dem Gefühl, diesem Gesetz
eigentlich nie gerecht werden zu können.
Mit einem „du musst“, dass ihnen ständig im
Nacken saß. Oder es hieß das Leben
mit den heidnischen Kulten. Wo Menschen als
Götter verehrt wurden, wo es um die
unbedingte Unterwerfung ging. Und wo
ähnlich wie im andern Fall die
Pflichterfüllung an erster Stelle stand.
Das,
was der Kolosserbrief über das alte Leben
schreibt, können wir heute nicht
einfach so übertragen. Denn kaum einer von
uns kennt ein Leben vor der Taufe.
Kaum einer kennt ein Leben unberührt von
christlichem Gedankengut. Kaum einer
von uns ist in einer anderen Religion groß
geworden und hat dann die Befreiung
durch Jesus Christus erlebt.
Aber
natürlich kennen wir Druck, der uns
belastet. Pflichterfüllung steht auch im
heutigen alltäglichen Leben an erster
Stelle. Die Worte „Du musst“ werden kaum
einem von uns unbekannt vorkommen. Sowohl von
den Eltern, vom Chef oder von den
Nachbarn wie auch von uns selbst. Die Ideale,
die wir für unser Leben
aufgestellt haben. Die Forderungen an uns
selbst, denen wir eigentlich immer
hinterherhinken. Der Richter im Kopf, der sofort
zur Stelle ist und uns zuruft:
Du Versager, du Niete, du bist zu nichts zu
gebrauchen.
Das
Problem daran ist, dass wir das meist nicht nur
aus dem Rückblick kennen und
heute alles besser ist. Sondern da sind wir
immer wieder mittendrin. Das alte
Leben also trotz des Neuen, das wir eigentlich
schon längst erworben haben.
„Ja, ihr wart tot aufgrund eurer Verfehlungen.
Und euer auf das Irdische
ausgerichteter Körper hatte die
Beschneidung noch nicht empfangen, die Christus
schenkt. Aber Gott hat euch zusammen mit ihm
lebendig gemacht, indem er uns
alle Verfehlungen vergeben hat.“ So heißt
es im Kolosserbrief. Bezogen auf das
Leben vor der Taufe. Aber es gilt doch genauso
für uns heute. Gott hat euch
zusammen mit Christus lebendig gemacht.
Gott
hat mich und dich lebendig gemacht. Auferweckt
von den Toten. Und er macht das
immer wieder. Lebendig statt tot, schöner
kann es gar nicht sein. Wie können
wir das erleben?
Mir
geht es oft so, obwohl ich Pastor bin, dass ich
in einen starken Druck
hineingerate. Ich muss das und das und das
schaffen. Gleichzeitig weiß ich,
dass das eigentlich gar nicht zu schaffen ist.
Und das bringt mich noch mehr
unter Druck. Ich kann nicht, aber ich muss.
Ständig renne ich dem hinterher,
was ich eigentlich glaube, erreichen zu
müssen. Und merke dann nach und nach,
dass ich eigentlich gar nicht mehr lebe, sondern
gelebt werde. Dass ich von
meinen Zwängen und Idealen beherrscht
werde.
Vor
ein paar Tagen rief mich ein Kollege an, der
seit ungefähr einem Jahr im
Ruhestand ist. Ich kenne ihn aus der Zeit, in
der ich für ein Jahr in England
war, vor 17 Jahren, da war er Auslandspfarrer in
Manchester und so etwas wie
mein Vorgesetzter. Über die Jahre hinweg
haben wir uns aus den Augen verloren.
Im letzten Jahr rief er auf einmal an, er sei
nun im Ruhestand und wolle sich
gerne wieder mehr um seine alten Kontakte
kümmern. Ich habe mich sehr gefreut,
weil ich mit ihm gut zurechtkam. Seitdem hat er
mir einige Briefe geschrieben,
und mein schlechtes Gewissen wuchs, weil ich es
nicht schaffte, ihm zu
antworten. Dann starb vor ein paar Monaten ganz
plötzlich seine Frau, und mein
schlechtes Gewissen wuchs noch mehr.
Dieser
Mensch also rief mich an, mitten in dem Druck,
wie ich es bloß schaffen sollte,
die Predigt zu schreiben, die ich heute morgen
halte. Er fragte besorgt nach,
hörte zu, erzählte von seinen
Erfahrungen. Wir haben eine ganze Stunde lang
telefoniert, und ich merkte, wie ich so nach und
nach wieder einiges klarer
sehen konnte. Was mich da eigentlich
gefangenhält, und worauf es doch
tatsächlich ankommt. Über dieses
Telefonat, so glaube ich, hat Gott mal wieder
bei mir anklopfen können, hat er mich ins
Leben zurückgerufen, in das Leben,
das er uns durch Jesus Christus geschenkt hat.
Das Leben, in dem es nicht
heißt: „Du musst“, sondern „ du darfst“.
Im
übrigen kamen wir auch auf den heutigen
Predigttext zu sprechen, da er trotz
seines Ruhestandes gerne auf die Kanzel geht. Er
nannte mir so einige
Stichpunkte, die mir vorher so gar nicht
aufgegangen waren, und meinte darauf,
er könne ja mal ein paar Gedanken
zusammenschreiben. Da ist mir dann wirklich
aufgegangen: Was machst du dir eigentlich
für einen Kopf, wie du das alles auf
die Reihe bekommen sollst? Gott sorgt für
dich, der bekommt das schon hin, wenn
du ihn nur machen lässt.
„Gott
hat euch zusammen mit Christus lebendig
gemacht.“ Ostern hier und jetzt. Der
Kolosserbrief benutzt ein eindrückliches
Bild dafür, wie Gott mit unseren
Verstrickungen umgeht. „Er hat den Schuldschein
getilgt, den wir eigenhändig
unterschrieben hatten – einschließlich
seiner Vorschriften, die gegen uns
standen. Er hat ihn ans Kreuz angenagelt und
damit beseitigt.“ Der
Schuldschein, also das, was uns
niederdrückt, und das sind ja oft wir
selbst.
Diesen nimmt Gott und nagelt ihn ans Kreuz. Also
dahin, wo alle Sünde und
Schuld bestens aufgehoben ist, nämlich bei
Jesus Christus. Dort darf das
hängen, und nicht etwa auf unseren
Schultern. Und es bleibt dort hängen,
während Christus längst auferstanden
ist und wir mit ihm. Gott wird es schon
richten, und er hat es längst getan.
Das
ist das wirklich Schöne: an Ostern, an
unserer Taufe und an dem, wie es der
Text aus dem Kolosserbrief ausdrückt. Gott
handelt, Gott allein, und er tut
dies alles für mich und für dich. Die
ganze Geschichte mit Jesus, vom Kreuz bis
zum leeren Grab – nur für mich und für
dich. Gott handelt, und ich darf mich
beschenken lassen, und du darfst das genauso,
wir alle dürfen das. Schöner kann
das eigentlich nicht sein.
Amen.
2010 Ev.-luth.
St. Nicolai- und Catharinen-Gemeinde,
Wahrenholz