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Predigt am 15.4.12, Quasimodogeniti – Kol 2,12-15

Quasimodogeniti – wie die neugeborenen Kinder, so lautet der Name dieses Sonntags. Neugeboren ist das Stichwort. Neu im Gegensatz zu alt. Das kennzeichnet das Leben nach Ostern. Leben aus der Auferstehung heraus.

Dieser Sonntag hängt ganz eng mit Ostern zusammen. Zum einen theologisch: Es geht auch heute ganz zentral darum, dass Jesus Christus auferstanden ist. Und zum anderen kirchlich und geschichtlich: Besonders in der Alten Kirche, aber durchaus bis heute, wurden und werden in der Osternacht die zum Glauben Gekommenen getauft. Diese haben dann in der darauf folgenden Woche in ihren weißen Taufkleidern an Lehrgottesdiensten teilgenommen, wo es besonders um das Verständnis von Taufe und Abendmahl ging, und haben schließlich am Sonntag nach Ostern ihre Taufkleider wieder abgelegt. So war der Sonntag Quasimodogeniti der Abschluss der Taufe, die an Ostern erfolgt war.

Leben aus der Auferstehung heraus, Leben nach Ostern. Durch die Taufe wurde und wird klar, dass Ostern kein weit zurückliegendes historisches Ereignis ist, das für uns keine besondere Bedeutung hat. Sondern dass Ostern eine direkte Auswirkung auf unser Leben als Christen hat. Jesus Christus ist vor 2000 Jahren auferstanden – und hat das doch direkt für mich getan.

So soll es sein. Und doch müssen wir immer wieder fragen, was das für uns bedeutet. So ganz handgreiflich. Der Predigttext für heute kann uns dabei helfen. Er ist zwar selbst auch schon ganz schön alt und drückt sich sehr theologisch aus, aber bringt die Bedeutung des Ostergeschehens für uns auf den Punkt. Er steht im Kolosserbrief im zweiten Kapitel:

„In der Taufe wurdet ihr mit ihm begraben. Und in der Taufe wurdet ihr auch mit ihm auferweckt. Denn ihr habt an die Macht Gottes geglaubt, der Christus vom Tod auferweckt hat. Ja, ihr wart tot aufgrund eurer Verfehlungen. Und euer auf das Irdische ausgerichteter Körper hatte die Beschneidung noch nicht empfangen, die Christus schenkt. Aber Gott hat euch zusammen mit ihm lebendig gemacht, indem er uns alle Verfehlungen vergeben hat. Er hat den Schuldschein getilgt, den wir eigenhändig unterschrieben hatten – einschließlich seiner Vorschriften, die gegen uns standen. Er hat ihn ans Kreuz angenagelt und damit beseitigt. Er hat die Mächte und Gewalten entwaffnet und sie öffentlich zur Schau gestellt. Er führt sie im Triumphzug mit, der für Christus abgehalten wird.“

Ein alter Text aus einer fernen Welt. Die Welt des ersten Jahrhunderts in Kleinasien. Die christlichen Gemeinden dort waren noch jung. Die meisten Christen erinnerten sich sehr gut an die Zeit, als sie noch nicht an Jesus Christus geglaubt haben. Sie sind zum großen Teil erst als erwachsene Menschen zum Glauben gekommen. Sie werden den Unterschied deutlich wahrgenommen haben, der ihr jetziges Leben von dem Alten trennte. Denn Christsein hieß damals auch: Sich von der allgemeinen Gesellschaft abheben, sich von ihr sogar fernhalten, und auch im Untergrund leben, weil Christen als staatsgefährdend galten. An diese Menschen wendet sich der Kolosserbrief. Der Verfasser sieht die Gefahr, dass sie durch andere Philosophien verwirrt werden, und will ihnen verdeutlichen, was es heißt, in Christus zu leben. Dass sie nämlich das neue Leben schon haben und nicht erst erlangen müssen. Dass sie schon gerettet sind.

Unser Textabschnitt bezieht sich deutlich auf Ostern und ebenso deutlich auf die Taufe. „In der Taufe wurdet ihr mit ihm begraben. Und in der Taufe wurdet ihr auch mit ihm auferweckt. Denn ihr habt an die Macht Gottes geglaubt, der Christus vom Tod auferweckt hat.“ Christus wurde begraben, am Karfreitag nämlich. Und Gott hat ihn auferweckt, das Geschehen des Ostersonntags. Das ist das Ereignis, welches zur Zeit des Kolosserbriefes immerhin schon rund 40 Jahre zurücklag. Die meisten Menschen, die diesen Brief gelesen haben, haben das also selbst gar nicht miterlebt. Zum einen, weil sie meist vermutlich noch keine 40 Jahre alt waren. Und zum anderen, weil sie in Kleinasien lebten und nicht in Judäa. Natürlich ist das nichts im Vergleich zu den 2000 Jahren, die uns heute vom Ostergeschehen trennen. Aber sie waren nicht anders als wir keine Augenzeugen, mussten also glauben, was sie selbst nicht miterlebt hatten.

Der Textabschnitt holt Ostern in die Jetzt-Zeit. „In der Taufe wurdet ihr mit ihm begraben. Und in der Taufe wurdet ihr auch mit ihm auferweckt.“ In der Taufe erleben wir das, was Jesus für uns einst getan hat, heute mit. Die Taufe war für die Angesprochenen ein Ereignis, an das sie sich im Gegensatz zum Auferstehungsgeschehen sehr gut erinnern konnten. Es war ihr Auferstehungserlebnis. Zum einen, weil es vermutlich in der Osternacht stattfand. Zum anderen, weil es für sie eine echte Befreiung aus den alten Zwängen und Verstrickungen war. Das alte Leben war für sie gestorben, und sie sind in ein neues Leben auferstanden. Ostern handgreiflich.

Altes Leben hieß für die Menschen damals entweder das Leben als Jude unter dem Gesetz. Mit dem Gefühl, diesem Gesetz eigentlich nie gerecht werden zu können. Mit einem „du musst“, dass ihnen ständig im Nacken saß. Oder es hieß das Leben mit den heidnischen Kulten. Wo Menschen als Götter verehrt wurden, wo es um die unbedingte Unterwerfung ging. Und wo ähnlich wie im andern Fall die Pflichterfüllung an erster Stelle stand.

Das, was der Kolosserbrief über das alte Leben schreibt, können wir heute nicht einfach so übertragen. Denn kaum einer von uns kennt ein Leben vor der Taufe. Kaum einer kennt ein Leben unberührt von christlichem Gedankengut. Kaum einer von uns ist in einer anderen Religion groß geworden und hat dann die Befreiung durch Jesus Christus erlebt.

Aber natürlich kennen wir Druck, der uns belastet. Pflichterfüllung steht auch im heutigen alltäglichen Leben an erster Stelle. Die Worte „Du musst“ werden kaum einem von uns unbekannt vorkommen. Sowohl von den Eltern, vom Chef oder von den Nachbarn wie auch von uns selbst. Die Ideale, die wir für unser Leben aufgestellt haben. Die Forderungen an uns selbst, denen wir eigentlich immer hinterherhinken. Der Richter im Kopf, der sofort zur Stelle ist und uns zuruft: Du Versager, du Niete, du bist zu nichts zu gebrauchen.

Das Problem daran ist, dass wir das meist nicht nur aus dem Rückblick kennen und heute alles besser ist. Sondern da sind wir immer wieder mittendrin. Das alte Leben also trotz des Neuen, das wir eigentlich schon längst erworben haben. „Ja, ihr wart tot aufgrund eurer Verfehlungen. Und euer auf das Irdische ausgerichteter Körper hatte die Beschneidung noch nicht empfangen, die Christus schenkt. Aber Gott hat euch zusammen mit ihm lebendig gemacht, indem er uns alle Verfehlungen vergeben hat.“ So heißt es im Kolosserbrief. Bezogen auf das Leben vor der Taufe. Aber es gilt doch genauso für uns heute. Gott hat euch zusammen mit Christus lebendig gemacht.

Gott hat mich und dich lebendig gemacht. Auferweckt von den Toten. Und er macht das immer wieder. Lebendig statt tot, schöner kann es gar nicht sein. Wie können wir das erleben?

Mir geht es oft so, obwohl ich Pastor bin, dass ich in einen starken Druck hineingerate. Ich muss das und das und das schaffen. Gleichzeitig weiß ich, dass das eigentlich gar nicht zu schaffen ist. Und das bringt mich noch mehr unter Druck. Ich kann nicht, aber ich muss. Ständig renne ich dem hinterher, was ich eigentlich glaube, erreichen zu müssen. Und merke dann nach und nach, dass ich eigentlich gar nicht mehr lebe, sondern gelebt werde. Dass ich von meinen Zwängen und Idealen beherrscht werde.

Vor ein paar Tagen rief mich ein Kollege an, der seit ungefähr einem Jahr im Ruhestand ist. Ich kenne ihn aus der Zeit, in der ich für ein Jahr in England war, vor 17 Jahren, da war er Auslandspfarrer in Manchester und so etwas wie mein Vorgesetzter. Über die Jahre hinweg haben wir uns aus den Augen verloren. Im letzten Jahr rief er auf einmal an, er sei nun im Ruhestand und wolle sich gerne wieder mehr um seine alten Kontakte kümmern. Ich habe mich sehr gefreut, weil ich mit ihm gut zurechtkam. Seitdem hat er mir einige Briefe geschrieben, und mein schlechtes Gewissen wuchs, weil ich es nicht schaffte, ihm zu antworten. Dann starb vor ein paar Monaten ganz plötzlich seine Frau, und mein schlechtes Gewissen wuchs noch mehr.

Dieser Mensch also rief mich an, mitten in dem Druck, wie ich es bloß schaffen sollte, die Predigt zu schreiben, die ich heute morgen halte. Er fragte besorgt nach, hörte zu, erzählte von seinen Erfahrungen. Wir haben eine ganze Stunde lang telefoniert, und ich merkte, wie ich so nach und nach wieder einiges klarer sehen konnte. Was mich da eigentlich gefangenhält, und worauf es doch tatsächlich ankommt. Über dieses Telefonat, so glaube ich, hat Gott mal wieder bei mir anklopfen können, hat er mich ins Leben zurückgerufen, in das Leben, das er uns durch Jesus Christus geschenkt hat. Das Leben, in dem es nicht heißt: „Du musst“, sondern „ du darfst“.

Im übrigen kamen wir auch auf den heutigen Predigttext zu sprechen, da er trotz seines Ruhestandes gerne auf die Kanzel geht. Er nannte mir so einige Stichpunkte, die mir vorher so gar nicht aufgegangen waren, und meinte darauf, er könne ja mal ein paar Gedanken zusammenschreiben. Da ist mir dann wirklich aufgegangen: Was machst du dir eigentlich für einen Kopf, wie du das alles auf die Reihe bekommen sollst? Gott sorgt für dich, der bekommt das schon hin, wenn du ihn nur machen lässt.

„Gott hat euch zusammen mit Christus lebendig gemacht.“ Ostern hier und jetzt. Der Kolosserbrief benutzt ein eindrückliches Bild dafür, wie Gott mit unseren Verstrickungen umgeht. „Er hat den Schuldschein getilgt, den wir eigenhändig unterschrieben hatten – einschließlich seiner Vorschriften, die gegen uns standen. Er hat ihn ans Kreuz angenagelt und damit beseitigt.“ Der Schuldschein, also das, was uns niederdrückt, und das sind ja oft wir selbst. Diesen nimmt Gott und nagelt ihn ans Kreuz. Also dahin, wo alle Sünde und Schuld bestens aufgehoben ist, nämlich bei Jesus Christus. Dort darf das hängen, und nicht etwa auf unseren Schultern. Und es bleibt dort hängen, während Christus längst auferstanden ist und wir mit ihm. Gott wird es schon richten, und er hat es längst getan.

Das ist das wirklich Schöne: an Ostern, an unserer Taufe und an dem, wie es der Text aus dem Kolosserbrief ausdrückt. Gott handelt, Gott allein, und er tut dies alles für mich und für dich. Die ganze Geschichte mit Jesus, vom Kreuz bis zum leeren Grab – nur für mich und für dich. Gott handelt, und ich darf mich beschenken lassen, und du darfst das genauso, wir alle dürfen das. Schöner kann das eigentlich nicht sein.

Amen.

2010 Ev.-luth. St. Nicolai- und Catharinen-Gemeinde, Wahrenholz
Zuletzt geändert am 15.04.2012
Karl Meyer